24.11.2015 Nouakchott – Saint Louis, Senegal (Elisabeth und Fred)

Da diese Etappe von uns beiden unterschiedlich wahrgenommen wurde, haben wir beschlossen, dass jeder von uns einen Tagesbericht schreibt. So könnt ihr unseren Tag sowohl als Beobachter als auch als Akteur miterleben.


Elisabeth

Frühstück in unserer Auberge
Frühstück in unserer Auberge

Das Team Jost hat uns Tee gekocht, zu mehr Frühstück reicht es heute nicht, obwohl ich Brot aus der Bäckerei geholt habe.
Es ist bereits 9.00 Uhr als das Tor sich öffnet und Torsten kommt (die Verspätung von 45 Minuten ist noch im afrikanischen Bereich).

Während der Wartezeit bringe ich dem behinderten Jungen ein  letztes Mal etwas Geld und einen Stofftier Eisbären, außerdem ein wenig Obst und Brot. Ich würde so gerne das Strahlen dieser Kinderaugen einfangen können,  für mich wird es lange Zeit mein Herz erwärmen.

Wir schieben mit gemeinsamer Kraft das Auto aus dem Hof, schnell angehängt und es geht los. Geschleppt zu werden in diesem Verkehrschaos ist aufregend. Mehrfach versuchen Autos zwischen uns zu kommen, und es macht offenbar auch niemand etwas aus, längere Zeit in dieser „halben“ Lücke zu fahren, um den Gegenverkehr vorbei zu lassen.

Der Rollstuhl unseres Freundes
Der Rollstuhl unseres Freundes

Beim Durchfahren der Vororte wird einem die Armut , der Dreck und der Abfall in diesem Land wieder richtig bewusst.

Plötzlich gibt es einen Riesenschlag , einen lauten Knall und wir schlenkern auf der Straße rum. Verzweifelt versuche ich mit dem Funkgerät zu Torsten durchzudringen, keine Reaktion.

David und Peter hinter uns erkennen den Notfall, überholen und zeigen Torsten, dass er halten muss. Wir steigen aus, beide rechte Reifen sind platt, einer davon geplatzt und es klafft ein 20 cm langer Spalt.. Bevor die neuen Reifen montiert werden, gehen wir die Gewichtserleichterung des Volvo an…

Das Gepäck vom Dach muß runter
Das Gepäck vom Dach muß runter

Alles wird vom Dachgepäckträger herunter geräumt, manches darf ab jetzt in Nouakchott wohnen (es wird sicher einen neuen Verwender finden, wie alles was man weggeben kann).

Nach 15 Minuten geht es weiter und der erste Funkkontakt mit der ganzen Truppe verwirrt uns… der Präsident kommt, der Präsident kommt… was meinen die, frage ich mich… wohl doch nicht Torsten…
Es klärt sich auf, als an uns eine sehr große schwarze Limousine vorbei rollt mit Militärbegleitung usw… es ist tatsächlich der Präsident von Mauretanien.

Nachdem wir zum ganzen Rallyetrek aufgeschlossen haben, geht es in Kolonne los… da Torsten immer als Lumpensammler fungiert, sind wir die letzten im Tross, allerdings gut angebunden, so dass wir auf gar keinen Fall verloren gehen können. Es ist schade für Fred, dass er nur wenig Zeit für die großartige Landschaft hat, die wir durchfahren.

Begegnung
Begegnung

Er muss sich sehr konzentrieren, denn geschleppt werden auf diesen Straßen in Kolonne ist nicht so einfach, auch wenn Torsten da große Erfahrung mitbringt ;-)…
Wir fahren auf relativ guter Straße (mit relativ großen Schlaglöchern) durch die Sahelzone… hier ist die Sahara wie ich es mir vorgestellt habe… große rotsandige Dünen, mit kleinen Dörfern dazwischen, die immer eine Moschee haben, mit Eseln, Kamelen, Ziegen, Palmen und immer wieder viele Kinder… die uns zuwinken und sich freuen, dass wir vorbei kommen, auch wenn es diesmal nichts gibt.

Mehrmals hält die Kolonne… Polizeikontrolle. Manchmal dauert es länger, ein anderes Mal geht es in einer Minute weiter. Obwohl wir sehr nahe an der Küstenlinie entlang fahren, sehen wir nicht ein einziges Mal das Meer.

Wir durchfahren ein Dorf, hier ist gerade Markt und ein großer Trubel auf der Straße… Dazwischen riesige Abfallberge, die anscheinend nochmals auf Brauchbares durchsucht werden… für uns ein schier unerträglicher Geruch und eigentlich unvorstellbar, dass, wenn man das schon machen muss, es unbedingt mitten im Ort sein muss…

Der Müll wird abgeladen und nochmal durchgesucht
Der Müll wird abgeladen und nochmal durchgesucht

In Rosso biegen wir Richtung Westen ab und schlagartig ist es vorbei mit der relativ guten Straße.

Wir fahren auf einem Damm, entlang des Senegal Flusses durch den Nationalpark, auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ist der senegalesische Nationalpark Djoudji,
auf mauretanischer Seite ist es der Diawling Nationalpark..

Es ist eine unglaubliche „Fahrt“… angehängt umweht uns ständig eine Staubfahne, die Piste ist Schlagloch übersäät und mit tiefen Fahrrillen durchzogen…trotzdem ist es eine unglaubliche Fahrt..
Fred macht das Offroad angehängt sein den gleichen Spaß, wie selber fahren und ich genieße einen See voller Flamingos, mehrmals sehe ich Warzenschweine und viele Pelikane, mit vollen Fangsäcken, Vogelschwärme, einen sehr großen Raubvogel (vielleicht ein Adler?)…. und Seerosen allüberall…

Am Ende dieser verrückten Fahrt steht die Barrage de Diama, eine Überfahrt über eine Art Stauwehr mit Hebebrücke in den Senegal.

Flora im Fluss
Flora im Fluss

Im Senegal angekommen überrascht uns eine super ausgebaute Straße , der wir bis Saint Louis folgen werden. Plötzlich tut es einen lauten Knall, einen harten Stoß und wir fliegen, im ersten Moment noch fest angebunden durch die Luft… die Menschen auf der Straße zucken mindestens genauso zusammen wie wir… das Schleppseil reißt und Fred bremst wie verrückt, dass wir nicht auf Torsten auffahren… was war passiert?   Torsten hat einen Boller übersehen und hier sind Boller, die den Namen Boller verdienen… und ist mit etwa 60-70 km darüber gedonnert und hat uns in die Luft katapultiert… naja.. das Auto war eh schon hinüber, trotzdem waren wir froh, dass der Volvo das so überstanden hat, dass wir weiter geschleppt werden konnten…also wird einfach ein Knoten ins Seil gemacht und weiter geht es…inzwischen wird es auch dunkel und dadurch dass der Abstand sehr verkürzt wurde, müssen wir irgendwie an Strom kommen, dass das Licht funktioniert…
Torsten holt aus seinem „Lederhoden“ eine Ersatzbatterie, die wird, da sie zu groß ist, in den Innenraum gestellt und mit Starterkabel an unsere Batterie geklemmt… schon haben wir Licht…

Wir haben wohl ein wenig den Anschluss an den Tross verloren (Torsten musste noch zu Team Jost, die einen Unfall haben, manche Teams trifft einfach alles), so dass Torsten sich entschließt durch die Innenstadt zu fahren… das quirlige Leben dort macht zwar Spaß und Freude anzuschauen, allerdings schert sich kein Mensch um die Verbindung zwischen unseren Autos… lustig wird darüber gestiegen oder mit den Mopeds drüber gefahren… zwei Mädels wird das dann zum Verhängnis…

Grenzbrücke Mauretanien - Senegal
Grenzbrücke Mauretanien – Senegal

sie übersehen das Schleppseil und obwohl ich noch laut rufe  (natürlich in deutsch ) …stolpern beide wie in Zeitlupe über das Seil und fallen auf die Straße… Gott sei Dank hat auch Torsten den Zwischenfall im Rückspiegel bemerkt und zieht nicht an (Ampel war auf Grün)…

da Beide sich wieder lachend aufgerappeln, sehen wir davon aus, dass nichts Schlimmes passiert ist und fahren weiter…

Bevor wir in unserem Hotel mit Campingplatz ankommen, müssen wir noch für eine Veranstaltung anhalten, dann über die von Eifel gebaute Brücke fahren (wieder zurück über den Senegalfluss) und bekommen die ersten Eindrücke von dem Souk (oh weh)…

Angekommen gönnen wir uns Gutscheine für zweimal Frühstück und Abendessen (hervorragend)….

es gibt sogar alkoholische Getränke (das Bier schmeckt gut) und genießen die zwei letzten Nächte in unserem Auto…


Fred

In Nouakchott
In Nouakchott

Die Nacht war für mich ziemlich kurz. Nachdem um halb eins das Thema Auto durch war, bin ich noch Duschen gegangen. Gegen 02: 00 Uhr bin ich dann ins Bett, konnte aber lange nicht einschlafen, weil mich der Ärger über den unnötig zerstörten Motor noch lange beschäftigt hat. Es war wohl gegen 04:00 Uhr, bis ich eingeschlafen bin. Viel Zeit zum Träumen hatte ich nicht, denn um 05:00 Uhr fängt der Muezzin an, die Moschee ist gerade mal 200m weg. Und der singt da nicht einfach nur ein kurzes Gebet. Wenn es so etwas gäbe, dann war es eher ein African Muezzin Song Contest. Eineinhalb Stunden lang dauerte der Gesang aus den Lautsprechern der beiden Minarette. Ab und zu bin ich mal eingenickt, doch jedesmal, wenn sich die Melodie verändert hatte, war ich wieder wach. Als dann endlich Ruhe war, kroch Elisabeth aus dem Bett. Ein paar Minuten Schlaf fand ich dann doch noch, bis kurz nach 07:00 Uhr. Dann war es an der Zeit, aufzustehen und den Volvo für die Tour vorzubereiten. Elisabeth war zwischenzeitlich schon beim Bäcker, Peter und David waren gerade dabei für sich und uns Wasser zu kochen. So richtig Appetit hatte ich nicht, weshalb es eher beim Tee blieb.
Sie erzählte mir, dass der Junge im Rollstuhl auch schin wieder an der Straße steht und dass sie ihm gerne eines unserer Kuscheltiere geben möchte. So viel Zeit haben wir noch, erwidere ich, worauf sie nochmal los geht und ihm einen Eisbären, ein Brot, ein wenig Obst und etwas zu trinken bringt. Eigentlich wollte sie das Kuscheltier mit einem Kabelbinder an den Rollstuhl machen, er wollte ihn dann aber doch lieber in der Hand behalten.

Es geht weiter
Es geht weiter

Pünktlich um 08:00 Uhr stehen wir – wie geplant – zur Abfahrt bereit. Torsten kommt eine dreiviertel Stunde später. Ini der Zwischenzeit verschenken wir unser nicht mehr benötigtes Material – Kocher, Handtücher, Kleidung etc. – an das Personal vom Campingplatz. Auch wenn es hier abends viele Moskitos gab, wir haben uns sehr wohl gefühlt. Dann kommt Torsten mit dem ‚Lederhoden‘. Wir müssen den Volvo um einen Bus herum auf die Straße schieben, dann schäkeln wir ihn am Transporter fest. Ein paar Instruktionen noch, ein Test mit den Funkgeräten, dann geht es los. Team Jost folgt uns mit dem Allradler, hält uns den Rücken frei und signalisiert auch mit der Warnblinkanlage. Wir können das nicht, denn unsere Batterie ist leer. Die hat gerade noch ausgereicht, um das Fenster der Fahrertür herunter zu lassen.

Die Fahrt aus Nouakchott ist genauso abenteuerlich wie schon das hinein geschleppt werden. Ich muss mich eh schon konzentrieren, damit der Gurt gespannt bleibt und ich ihn nicht überfahre. Zusätzlich muss ich reagieren, wenn ein Fahrzeug zwischen uns fährt. 3,50 m Abstand – so etwas gibt es hier nicht. Hier fährt man Stoßstange an Stoßstange. Entsprechend abenteuerlich ist auch das Durchfahren der Kreisverkehre oder das Anfahren an den Ampeln. Torsten setzt sehr häufig die Hupe ein, ich habe das Gefühl, dass es ein wenig hilft. Einmal rolle ich an der Ampel auf das Seil. Elisabeth gibt es per Funk durch, dann steigt sie aus und schiebt mich zurück. Es ist recht gefährlich, das Seil zu überfahren, denn wenn es sich um die Achse wickelt, dann kann es beim Anfahren Bremsleitungen oder gar die Antriebswelle abreißen.

Leben in Mauretanien
Leben in Mauretanien

Gut eine halbe Stunde sind wir so unterwegs, dann haben wir die Stadt hinter uns. Ab und an durchqueren wir kleine Ortschaften – links und rechts der Straße. In einer Ortschaft ist Markt. Wir kommen in eine der vielen Polizeikontrollen und so habe ich ein wenig Zeit, um mal nach links und rechts zu schauen. Dann geht es aber auch schon wieder weiter. Torsten und ich sind recht schnell aufeinander eingespielt, es klappt ganz gut mit dem Anfahren oder Abbremsen. Manchmal gibt es einen Hinweis auf ein Schlagloch oder wenn wir langsam fahren müssen per Funk, manchmal auch per Handzeichen aus dem Fenster.
Wir rollen gerade wieder außerhalb so mit 80km/h dahin, da macht der Lederhoden einen kleinen Schlenker. Das Heck wirft einen harten Schlagschatten hinter dem Tansporter, von da bis zu unserer Motorhaube sehe ich maximal einen Meter der Straße. Als ich das Schlagloch sehe, ist es schon zu spät. ich kann nicht mehr reagieren und fahre volle Kanne durch. Ein dumpfer Schlag, dann wird die Lenkung ruppig. Wir haben einen Platten sage ich zu Elisabeth, geb dem Torsten Bescheid, dass er anhalten soll. Elisabeth nimmt das Funkgerät und versucht mehrfach, die Nachricht abzusetzen – ohne Erfolg. Ich halte das Lenkrad mit der rechten Hand fest und winke wie wild aus dem Fenster – auch das bemerkt Torsten nicht. Die Josts hinter uns sehen das Malheur, überholen bei der nächsten Gelegenheit und zeigen dem Torsten, dass er anhalten soll. Ich denke, gut 2km sind wir mit plattem Reifen gefahren. Als ich aussteige stelle ich fest, dass alle beiden rechten Reifen platt sind. Na prima. Gut, wir haben zwei Reservereifen auf dem Dach und noch das Notrad in der Reserveradmulde.

Begegnung
Begegnung

Bevor wir die Reifen wechseln, klettere ich erstmal aufs Dach um die Räder herunterzuholen. Die Gelegenheit nutzen wir auch gleich, um die drei Alukisten loszuschrauben und in den Lederhoden zu stellen. Damit wird unser Auto ein wenig leichter für das weitere Schleppen. Dann lockert Torsten die Radmuttern, während ich das Auto mit dem Wagenheber anhebe. Als ich das Vorderrad abnehme, ist der ganze Radkasten verölt. Ich befürchte, dass die Bremsleitung beschädigt ist. Wir können da aber keinen Defekt finden. Als ich etwas weiter nach oben schaue, sehe ich, dass der Stoßdämpfer oben aufgerissen ist. Von da kommt das Öl.
Der vordere Reifen sieht noch recht gut aus, er wurde vom Schlagloch vermutlich ins Tiefbett gedrückt und so schlagartig platt. Der hintere Reifen ist ebenso im Tiefbett, hier hat der Kontakt mit dem Schlaglochrand jedoch zwei ’snake-bites‘, zwei kleine Risse hinterlassen. Der Reifen ist woh nicht mehr so einfach zu retten. Zusammen mit den Haltern, die ich für den Transport am Dach gebaut hatte, bleibt er am Straßenrand zurück. Ich stelle ihn gut sichtbar hin und bin überzeugt, dass der nicht lange am Straßenrand bleibt. Die beiden Felgen sind trotz der Tortour noch gut in Schuss.

Düne
Düne

Nachdem die Radmuttern wieder fest gezogen und der Volvo wieder auf seinen Rädern steht, werden Werkzeug und unsere drei Reservekanister noch verstaut und weiter geht die Fahrt. Jetzt aber mit mehr Augenmerk auf die Schlaglöcher, die in großer Zahl vorhanden sind. Im Funk hören wir erst recht verrauscht, dann immer deutlicher die Kommunikation der anderen Teams, die am Straßenrand auf uns warten. Immer wieder kommt eine Durchsage, dass alle Fahrzeuge von der Straße müssen, weil der Präsident im Anmarsch ist. Elisabeth und ich schmunzeln noch darüber, weil wir denken, der Torsten sei damit gemeint. Aber kaum dass wir die Gruppe erreicht haben, kommen uns schon einige Pickups mit Maschinengewehr-Lafetten auf der Ladefläche entgegen, gefolgt von einer dicken Limousine mit einer Standarte auf dem Kotflügel. Offenbar ist es der Präsident von Mauretanien, der unserem Konvoi seine Aufwartung macht 😉

Völkerverständigung
Völkerverständigung

Es dauert ein wenig, bis es weiter geht. Zwischendurch haben wir ein wenig Zeit, uns zu organisieren, eine Kleinigkeit zu essen und an die vielen Menschen, die neugierig vorbeikommen, ein paar Geschenke zu verteilen. Dann setzt sich der Troß in Bewegung. Wir fahren am Schluß des Konvois auf der N2. Ich habe immer ein Auge auf den Schleppgurt, von daher nehme ich die Landschaft links und rechts der Straße eher aus den Augenwinkeln war. Wir durchfahren die Sahel-Zone, die sich erstmal sehr trocken, mit nur wenig Bäumen, Sträuchern und Gräsern präsentiert, später wird es ein wenig fruchtbarer. Ich denke an die vielen Heuschreckenplagen, die diesen Landstrich immer wieder heimsuchen und die mühsam angebauten Felder rigoros kahl fressen. Sobald Kinder auf uns aufmerksam werden, laufen sie ein Stück neben uns her und winken uns zu. Vereinzelt sieht man Kinder mit einem Fahrradreifen und einen Stock spielen, Bilder, die in Deutschland bestenfalls vor meiner Zeit geläufig waren. Ab und an müssen wir bremsen, weil ein paar Ziegen, Rinder oder Kamele die Straße passieren.

Dorfleben
Dorfleben

Kurz vor Louberid macht die Straße einen Bogen nach Westen, wir nähern uns dem Meer bis auf einen Kilometer, sehen kann ich es nicht. Die N2 führt größtenteils parallel zur Küste. Als wir den Ort Lewihda durchfahren, sehe ich, wie mitten im Ort ein Müll-LKW abkippt. Der Müll besteht größtenteils aus Plastik. Ein paar Männer sind dabei, den Müll mit Rechen auseinander zu zerren um offenbar nach Verwertbarem zu suchen. Keine Ahnung, ob der Müll danach wieder aufgeladen wird. Der viele Plastikmüll rund um das Geschehen spricht zumindest dafür, dass dies – wenn überhaupt – dann auf jeden Fall mit wenig Sorgfalt passiert.

Am Ortsende von Lewihda halten wir an. Es folgt eine längere Pause – ich denke, es wird etwas für die Einreise in den Senegal organisiert. Schon nach kurzer Zeit suchen wir den Schatten hinter dem Kastenaufbau des Lederhoden. Ein paar Gespräche mit den anderen Rallyeteilnehmern und mit den Kindern, die uns umschwärmen, in der Hoffnung ein paar Geschenke zu bekommen. Irgendwann geht es weiter. Wir verlassen die N2 und fahren südwestlich auf einer kleinen, schlechten Straße bis Keur-Macene. Ab hier wird die Straße zur Piste. Wir befahren einen Damm des Senegal-Flusses, der hier die Grenze zwischen Mauretanien und dem Senegal bildet. Die Piste führt auf oder neben dem Damm entlang, es staubt wie verrückt. Wenn wir – nicht gerade zimperlich – von der Dammkrone den Hang hinunter und dann dort die Piste parallel zum Damm fahren, dann verwirbelt der Staub hinter dem Transporter so, dass dieser in unser Auto gedrückt wird. Fenter schließen ist leider keine Option, weil die Batterie leer ist – es ist nicht das einzige Mal, wo ich mich nach den guten alten Fensterkurbeln gesehnt habe. Elisabeth kramt meinen Turban aus dem Gepäck, den ich mir während der Fahrt so rumwickle, dass ich wenigstens die Atemwege ein wenig vor dem Staub schützen kann.

Staubschutz - wir können die Fenster nicht schließen
Staubschutz – wir können die Fenster nicht schließen

Die Piste bedeutet für mich höchste Konzentration. Während wir auf der Asphaltstraße mit ca. 80 km/h geschleppt wurden, hatte ich den Fuß nur bis zum Druckpunkt auf der Bremse, um gegebenenfalls den durchhängenden Gurt mit sanftem Bremsen wieder zu straffen. Nicht zu vergessen: Ich bin ohne Servolenkung und ohne Bremskraftverstärker unterwegs. Bremsen bedeutet da schon so richtig Kraft aufwenden. Hier auf der Piste muss ich ständig bremsen, um den Gurt straff zu halten, denn der Untergrund ist wellig und geradeaus geht auch nicht. So jagen wir 3,5m hinter dem Transporter mit ca. 60 km/h über den Sand, ich versuche so gut es geht den Boden zu lesen und ggf. ein wenig auszuweichen. Manchmal geht das nicht, weil wir uns in einer dichten Staubwolke befinden, die selbst das nur wenige Meter entfernte Heck des Lederhoden nur mehr erahnen lassen.

Wir halten an, weil die Aachener Wüstenfüchse ein Problem mit dem Auto haben. Es läuft nur mehr im Notlaufbetrieb. Kundige Hände vertiefen sich im Motorraum, während ich die Gelegenheit nutze, mir die angespannte Beinmuskulatur etwas zu vertreten und ein paar Fotos zu machen. Elisabeth macht derweil die Scheiben sauber – mit Wasser, was ich leider erst zu spät sehe. Während der Fahrt auf dem Damm hat sie mir immer wieder erzählt, was für Tiere sie gerade sieht. Ein Warzenschwein hatte es ihr besonders angetan, dass im weiten Bogen durch das flache Wasser davongallopiert ist.

Zwischendurch mal die Scheiben putzen
Zwischendurch mal die Scheiben putzen

Weiter geht es, das Wasser auf den Scheiben rächt sich. Sofort klebt der feine Sand darauf fest, so dass wir wenig später per Funk nochmals einen Halt anfordern müssen. Ich reibe die Scheiben mit einem trockenen Tuch sauber. Mittlerweile sind wir ein gutes Stück abgeschlagen, Aus meiner Sicht nicht schlecht, weil wir so nur den Staub des Schleppfahrzeugs abbekommen. Torsten und ich haben uns mittlerweile gut aufeinander einsynchronisiert. So geht es flott voran, trotz Staub, Schlaglöcher und scharfen Ausweichschlenkern. Wie gerne wäre ich jetzt hier mit dem Motorrad unterwegs. Dennoch höre ich mich zu Elisabeth sagen: Hier macht es sogar Spaß, abgeschleppt zu werden.

Ein weiterer Stop zur Pannenhilfe. Bei den Herredenern ist ein Kunststoff-Verbindungsrohr bei den Heizungsschläuchen gebrochen. Deshalb wird das Auto zu warm. Torsten holt einen Eimer mit allerhand Material aus den Tiefen seines großen Kastenwagens, es findet sich ein geeignetes Teil, welches dann mit Hilfe von Powertape seinen neuen Bestimmungsort einnimmt. Für mich nochmals die Gelegenheit, meinerseits ein wenig nach Fauna und Flora zu schauen und mir die Beine zu vertreten. Eine Libelle wird immer wieder durch mich hochgeschreckt, fliegt einen Kreis und landet wieder exakt auf der gleichen Stelle.

Kunststoffverbinder im Kühlsystem gebrochen
Kunststoffverbinder im Kühlsystem gebrochen

Als die Staubfahne der Herredener weit genug voraus ist, setzen auch wir unsere Fahrt fort. Noch gute 10 Kilometer fahren wir über den Damm, dann laufen wir auf das Ende des Konvois auf. Wir sind an der Grenze angelangt. Unsere Pässe werden eingesammelt, dann heißt es wieder mal warten – und in unserem Fall hoffen. Denn jetzt wird sich entscheiden, ob wir den Volvo hier stehen lassen müssen, oder ob wir noch bis nach Saint Louis weiterfahren dürfen. Ein paar Pferdekarren kommen vorbei und einige Händler, die Zigaretten oder Souvenirs an den Mann bzw. an die Frau bringen wollen. Obwohl wir nichts kaufen, entwickeln sich doch ein paar Gespräche.

Die Grenzformalitäten sind schnell erledigt und Hoger hat es auch geschafft, dass der Volvo mit nach Saint Louis darf. Wir fahren vor und überqueren bei Diama den Senegal-Fluss über eine Brücke.

Sonnenuntergang am Senegal-Fluss
Sonnenuntergang am Senegal-Fluss

Der Tross setzt sich wieder in Bewegung, wir fahren wieder am Schluß. Torsten hat unsere Zoll-Eskorte begrüßt, weshalb wir mit deutlichem Abstand zur Kolonne loskommen. Die Straße ist gut, Torsten lässt es laufen. Plötzlich sehe ich die Bremslicher des Lederhoden, gleichzeitig winkt Torsten aus dem Fenster wild auf und ab. Ich steige auf die Bremse so gut ich kann. Das Bremslich geht wieder aus, danach macht der Transporter eine Bewegung wie ein Huhn, dass gerade ein Ei gelegt hat. Als sich das Heck hebt, kommt allerdings kein Ei zum Vorschein, sondern eine mindestens 30cm hohe Bodenwelle, manche nennen sowas auch ’schlafender Polizist‘. Darüber nachzudenken habe ich im Moment aber keine Zeit. Wie in Zeitlupe seh ich, wie der Transporter hinten in die Knie geht. Dadurch wird der Schleppgurt über dem Bumper gespannt. Sekundenbruchteile später werden wir über die Schwelle katapultiert. Ich sehe – trotz des hohen Hecks des Transporters – erstmal nur Himmel, dann sehe ich den gerissenen Gurt in Wellenlinien nach vorne fliegen – wie in einem Werner Comic. Lange können wir die Schwerelosigkeit jedoch nicht genießen, dann holt uns die Schwerkraft wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Mit einem heftigen Knall schlagen wir auf, ich habe das Gefühl, der Motor liegt auf der Straße. Gefährlich schnell kommen wir dem Lederhoden näher, ich bremse mit aller Kraft. Wir kommen rechtzeitig zum stehen und steigen erstmal aus, um die Schäden zu begutachten. Es gibt aber keine Schäden außer einer kleinen Beule im Kühlerschutz, den wir in Dakhla moniteren ließen. Torsten entschuldigt sich, er hat den Bumper einfach übersehen. Mit 80 km/h sind wir drauf zu gefahren und mit knapp 70 km/h ist er drüber meinte er. Die Kinder und Erwachsenen, die in der Nähe stehen, kommen heran, einer der Erwachsenen entschuldigt sich dafür, dass vor ein paar Wochen jemand das Schild, welches auf den Bumper hinweist, umgefahren hat.

Seerosen am Senegal-Fluss
Seerosen am Senegal-Fluss

Der Abschleppgurt bekommt einen neuen Knoten und wird um mehr als einen halben Meter kürzer, dann steigen wir ein und fahren weiter. Norbert setzt sich als Sicherungsfahrzeug hinter uns. Als wir auf die N2 fahren, beobachtet uns ein Polizist. Schaltet mal eure Warnblinkanlage ein, tönt es aus dem Funk. Würden wir ja gerne, aber wir haben seit Tagen eine leere Batterie, antwortet Elisabeth. Während sich die Dämmerung mehr und mehr über das Land senkt, fällt es mir zunehmend schwerer, den Gurt zu beobachten und straff zu halten. Wir rollen in Sanar ein und werden von einem Verrückten überholt. Plötzlich stoppt unsere Karawane. Wenig später erfahren wir, es hätte einen Unfall gegeben. Ich gehe nach vorne und befürchte schlimmes. Es stellt sich dann heraus, dass der Verrückte, der uns überholte weiter vorne wegen Gegenverkehr einscheren wollte und dabei mit dem Pajero des Team Jost auf Tuchfühlung ging. Am Pajero ist die Stoßstange vorne etwas abgewetzt und der Kuhfänger steht gute 30cm nach vorne. Der Unfallverursacher hat deutlich mehr abbekommen und natürlich keine Versicherung. Hauptsache, es ist niemandem etwas passiert.

Begegnungen
Begegnungen

Ich gehe zurück zum Volvo, als Torsten kommt sage ich ihm, ich kann so nicht mehr weiterfahren, ich brauche eine Batterie. Torsten hat eine dabei, die ist aber zu groß für unseren Motorraum. Nachdem ich unsere Starthilfekabel greifbar habe, stelle ich sie einfach in den Beifahrerfußraum und verbinde sie mit dem Kabel mit der Batterie im Motorraum. Endlich wieder Licht und Warnblinkanlage. Der Rest des Konvoi ist schon voraus, weshalb sich Torsten entschließt, nicht die Umgehung zu fahren, sondern die Abkürzung durch die Innenstadt von Saint Louis. Wahnsinn, was da los ist. Hupende Autos, jede Menge Moppeds, Motorräder, Fahhräder, Dreiräder und dazwischen Massen von Menschen. Obwohl der Abstand zwischen uns und dem Schleppfahrzeug durch das kürzere Seil deutlich weniger ist, hindert das kaum jemanden daran, mit dem Motorrad rechts an uns vorbei und dann vor uns nach links zu wechseln. Am fatalsten ist das jedesmal, wenn wir an einer Ampel stehen und das Seil sich gerade beginnt zu straffen. So passiert es einmal, dass Torsten gerade losfährt, als vor uns zwei junge Frauen über die Straße stolzieren. Ich hupe wie wild, Elisabeth schreit neben mir – die Grazien nehmen das überhaupt nicht zur Kenntniss. Mit dem Ergebniss, das beiden nacheinander über das gespannte Seil auf die Straße fallen. Während beide vor mir auf der Straße liegen zieht Torsten los. Zum ersten Mal fühle ich mich ein wenig hilflos. Ich trete die Bremse mit aller Kraft, selbst wenn das reißende Seil jemaden verletzt ist es noch besser, als wenn ich über die Beiden drübergezogen werde. Torsten spürt den Widerstand und tritt die Kupplung. Jetzt haben wir Zeit, das Geschehene über Funk zu kommunizieren, wärend sich die beiden Mädels aufrappeln und – zurück auf dem Gehsteig – den Schaden begutachten. Arg schlimm kann es dann doch nicht gewesen sein, denn sie fangen an zu lachen. Wir setzen unseren Weg fort.

Schicksalsgefährten
Schicksalsgefährten

Ein wenig später laufen wir auf einen Stau auf. Wir werden eingewiesen und informiert. Es läuft gerade eine Art Faschingsumzug, wir müssen warten, bis die vorbei sind. Elisabeth schaut dem Treiben vom leeren Dachträger des Volvos aus zu.

Dann geht es weiter über die Eiffelbrücke, die uns wiederum über den Senegal-Fluss bringt, einmal scharf links und dann am Ufer des Flusses entlang bis zum Campingplatz. Dort suchen wir uns einen geeigneten Stellplatz für den Volvo und machen die Scheiben hoch, bevor wir die Batterie zurück geben. Dann erstmal Gutscheine für Abendessen und Frühstück holen und etwas zu trinken.
Es ist mittlerweile 21:30, seit mehr als 12 Stunden saß ich fast ununterbrochen hinter dem Steuer des geschleppten Volvos. Die Duschen haben keinen Warmwasseranschluss, wenn warm, dann nur die Wärme der Sonne in den Leitungen oder im Mauerwerk. Egal, der Staub muss ab, bevor wir uns das Buffet schmecken lassen.
Hinterher sitzen wir noch ein wenig mit den Anderen zusammen, bevor wir uns in unseren Volvo zurückziehen.


Tagesetappe 24.11.2016
Tagesetappe 24.11.2016


 

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